Gespräch mit Dr. Hans-Günter Kugler
Dr. med. Hans-Günter Kugler ist Sprecher der Ärztegesellschaft zur Förderung der vegetarischen Ernährung
Herr Dr. Kugler, ist eine vegetarische Ernährung im Kindesalter gesund?
Dr. Hans-Günter Kugler: Generell ist eine vegetarische Ernährung für alle Altersgruppen empfehlenswert. Denn neben ethischen und ökologischen Überlegungen bringt eine fleischlose Kost viele Vorteile für die Gesundheit. Studien in aller Welt haben gezeigt, dass Vegetarier beispielsweise ein geringeres Risiko haben, an Diabetes, Osteoporose, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Rheuma, Gicht, Allergien usw. zu erkranken und dass sogar die Lebenserwartung höher ist als bei Mischköstlern. Gerade bei Kindern haben ernährungsabhängige Krankheiten in den letzten Jahrzehnten dramatisch zugenommen! Die Zahl der übergewichtigen Kinder wächst, Diabetes wird immer häufiger schon im Kindesalter diagnostiziert. Auch Gefäßveränderungen sind nach einer amerikanischen Studie schon bei 70 % der Kinder festzustellen. Diesen Risiken kann durch vegetarische Ernährung vorgebeugt werden.
Aber viele dieser Krankheiten, wie z.B. Osteoporose, sind doch altersbdingt, treten also erst bei älteren Menschen auf!
Dr. Hans-Günter Kugler: Fleisch und Fisch enthalten - anders als pflanzliche Lebensmittel - durchschnittlich mehr Phosphor als Calcium. Um dieses Verhältnis auszugleichen, setzt der Körper Calcium aus den Knochen frei, was die Knochenstruktur schädigt und das Osteoporose-Risiko erhöht. Vor allem bei Jugendlichen ist das fatal, denn durch den hohen Fleischkonsum wird weniger Knochenmasse aufgebaut. Speziell die Kombination Fleisch und Cola ist kritisch, da Cola ebenfalls sehr phosphatreich ist. Hinzu kommt: Beim Abbau der tierischen Nahrung entstehen im Körper Säuren, die ebenfalls die Knochenstruktur schädigen. Die meisten Hüftfrakturen treten in Ländern auf, in denen der Konsum tierischer Proteine sehr hoch ist.
Wie wirkt sich Fleischkonsum auf das Gehirn aus?
Dr. med Hans-Günter Kugler: Wer möglichst lange einen klaren Kopf behalten möchte, sollte den medizinischen Erkenntnissen zufolge auf vegetarisch umstellen: Denn Cholesterin und gesättigte Fettsäuren, wie sie im Fleisch vorkommen, erhöhen das Risiko für Demenzerkrankungen wie z.B. die Alzheimer-Erkrankung.
Reicht es, einfach das Fleisch wegzulassen?
Dr. Hans-Günter Kugler: Voraussetzung für eine gesunde vegetarische Kost ist – und das gilt für alle Ernährungsformen! – eine ausgewogene Zusammenstellung der Lebensmittel. Bei Kindern muss man zusätzlich berücksichtigen, dass der Organismus andere Anforderungen an die Ernährung hat, als es bei einem erwachsenen Menschen der Fall ist. So haben Kinder z.B. einen viel höheren Energiebedarf als Erwachsene. Sie benötigen auch deutlich mehr Calcium, mehr Vitamin D und Vitamin C.
Bei einer ausgewogenen vegetarischen ovo-lacto-vegetabilen Kost (bei der außer pflanzlicher Nahrungsmittel auch Milch und Eier verzehrt werden) ist es überhaupt kein Problem, das Kind ausreichend mit allen lebenswichtigen Nährstoffen zu versorgen. Vorraussetzung ist wie gesagt, wie bei jeder andern Kost auch, ein abwechslungsreicher Speiseplan.
Wie sollte ein abwechslungsreicher Speiseplan aussehen?
Dr. Hans-Günter Kugler: Kartoffeln, Reis, Nudeln und Hülsenfrüchte sollten die Woche über abwechseln und auch die Gemüsesorten variiert werden. Gerade für Kinder kann man sich dabei z.B. an den Farben einer Ampel orientieren: Wenn rotes Gemüse, wie Rote Bete oder Karotten, grünes Gemüse, wie Spinat, Mangold, Bohnen, Erbsen und gelbe bzw. helle Gemüsesorten wie etwa Pastinaken, Hokkaido-Kürbis, Sellerie usw. kombiniert werden, ergibt dies eine gute Mischung der verschiedenen Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente. Salat und frisches Obst sollten ausreichend auf dem Küchenzettel stehen, ebenso Nüsse, die hochwertiges Eiweiß und auch wichtige Spurenelemente, z.B. ausreichend Zink enthalten.
Wie sieht es eigentlich mit der Eisenversorgung aus? Ist auch die durch pflanzliche Kost gewährleistet?
Dr. Hans-Günter Kugler: Pflanzliche Nahrung, wie z.B. Vollwertgetreide, Haferflocken, Feldsalat, Erbsen, Broccoli enthalten zum Teil mehr Eisen als Fleisch oder Milch. Allerdings kann der Körper das Eisen aus pflanzlichen Lebensmitteln weniger leicht aufnehmen. Vitamin C jedoch erhöht wiederum die Eisenaufnahme aus der Nahrung. Daher ein Tipp: Etwas Zitronensaft in die Salatsoße geben oder ein Glas Orangensaft zum Essen trinken – das erhöht die Aufnahme von Eisen aus dem Gericht.
Wie sehen Sie die Zukunft der vegetarischen Ernährung?
Dr. med Hans-Günter Kugler: Fest steht: Die Zukunft ist vegetarisch! Wer noch immer meint, Fleisch sei ein wichtiger Bestandteil der Ernährung und gar gesund, der muss sich den Vorwurf gefallen lassen, nicht mehr auf dem aktuellen wissenschaftlichen Stand zu sein.
Übrigens wird uns nicht nur unsere eigene Gesundheit den Abschied von Schnitzel, Burger & Co danken: Auch die Abermillionen Tiere, die durch unsere Essgewohnheiten in Massenställe gepfercht ein qualvolles, kurzes Leben fristen und eines ebenso qualvollen Tod sterben, werden es uns danken! Ebenso wird es uns die Natur danken, der Regenwald wird es uns danken und die Menschen in den armen Ländern werden es danken: Wenn allein die westlichen Nationen ihren Fleischkonsum um nur 10% reduzieren würden, müsste kein Mensch auf dieser Erde mehr verhungern.
Wissen, wo das Essen herkommt.
